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Zur Zukunft des täglichen Gottesdienstes in den Pfarrkirchen

Unter der Überschrift "Stundengebet macht Geschichte" beschreibt Schnitzler dramatischen Ereignisse der Vesper am 29.12.1170, die Erzbischof Thomas Becket in der Kathedrale von Canterbury feiert und in deren Verlauf er ermordet wird. Auf eine Warnung hin wollte man nach dem Einzug in die Kathedrale die Türen verrammeln. Da soll der Erzbischof gesagt haben: "Die Kirche muß jederzeit für alle offenstehen!" So bleiben die Portale unverschlossen. In diesem Wort des Erzbischofs drückt sich ein Liturgieverständnis aus, nach dem die Vesper das öffentliche Tagzeitengebet der Ortskirche ist. Auch die Gefährdung seines Lebens ist für Thomas Becket kein Grund, die Teilnahme und den Zugang zu verwehren und die Kirche zu verschließen.

Wer heute während der Woche die Pfarrkirchen besuchen möchte, steht häufig vor verschlossenen Türen. An der Anschlagtafel erfährt er, zu welchen Zeiten die heilige Messe gefeiert wird und somit die Kirche geöffnet ist. Immer häufiger muß man jedoch feststellen, daß an manchen Tagen kein Gottesdienst stattfindet und deswegen die Kirche an diesen Tagen geschlossen ist. In Dörfern, in denen kein Priester mehr am Ort wohnt, gibt es manchmal keinen Gottesdienst am Werktag mehr, und die Kirche bleibt die ganze Woche über zu. Dieser kleine Situationsbericht veranlaßt zu der Fragestellung: Bedürfen die Werktage der Woche einer täglichen liturgischen Gestaltung in der Pfarrei?

Zur Tradition des täglichen Gottesdienstes in den Ortskirchen

Die Evangelien überliefern uns die Mahnung Jesu, allzeit zu beten und nicht nachzulassen (Lk 18,1). Paulus nimmt die Mahnung Jesu auf und ruft den Gemeinden zu, im Beten beständig zu bleiben und dabei wachsam und dankbar zu sein (Kol 4,2).

Neben dem spontanen und privaten Gebet ist hier auch gemeinschaftliches Gebet gemeint. Jesus, Paulus und die Urgemeinde stehen in der Erbfolge der Synagoge, in der die drei Gebetszeiten des Morgengebetes bei Sonnenaufgang, des Nachmittagsgebetes und des abendlichen Betens täglich geübter Brauch waren.

Obwohl uns für die frühe Kirche Zeugnisse fehlen, ist doch als sicher anzunehmen, daß die christlichen Hauskirchen an Werktagen gemeinsame Gebetszeiten neben dem Herrenmahl am ersten Wochentag praktiziert haben. Der Auftrag Jesu bedurfte der Umsetzung in die Praxis.

Ab dem 4. Jh. sprechen die Quellen von regelmäßigen Tagzeiten-Gottesdiensten der christlichen Gemeinden. Am Morgen und am Abend versammeln sich Christen in den Basiliken, um das Opfer des Lobes darzubringen und das "neue Lied", das Lied österlicher Freude, zu singen. Die Not der Menschen wird in der Fürbitte vor Gott getragen. Dieses Tagzeitengebet in Form einer Morgen- und einer Abendhore war für Klerus und Volk gemeinsam und brachte das dem Ostergeschehen antwortende Lob der Gemeinden zum Ausdruck.

Die Urform des "Tagzeitengebetes" ist sehr einfach konstruiert und besteht aus jeweils einem gleichbleibenden Morgen- und Abendpsalm und einem Gebet. Daneben zeigt sich eine auf Verkündigung hin entfaltete Form, die aus Lesung, Predigt, Psalm und Gebet sich zusammensetzt.

Die Mönchsgemeinschaften entwickeln das Tagzeitengebet an den Haupttageszeiten des Morgens und Abends zum monastischen Stundengebet. Terz, Sext, Non, Prim und Komplet treten hinzu. An Stelle weniger ausgewählter Psalmen werden die 150 Psalmen auf die Woche verteilt, und es wird die gesamte Heilige Schrift gelesen.

Als die monastisch-benediktinische Form in die germanisch-fränkischen Länder gelangt und dort in lateinischer Sprache das offizielle Gebet der Ortskirche wird, verliert die Laienfrömmigkeit den Bezug, und die Gemeinde gibt die Trägerschaft an den Klerus und die Mönche ab.

Das gemeindliche tägliche Gebet in den Kirchen hört jedoch nicht auf, sondern zwei andere Formen des Gottesdienstes treten in den Vordergrund, die tägliche Messe am Morgen und die Andacht am Abend. Sonderformen der Vesper, die Volksandacht als Passionsandacht, Kreuzweg und eucharistische Gebetsstunden, die Marienandachten und der Rosenkranz als "Stundengebet des Volkes" versammeln die Gemeinden häufig, in manchen Zeiten täglich, in den Kirchen. In den "deutschen Vespern" lebt in manchen Gegenden das Tagzeitengebet weiter.

Die Aufklärung versucht, das Tagzeitengebet wieder in den Ortsgemeinden zu verankern. Einen neuen Anfang macht die Liturgische Bewegung. Pius Parsch, Theodor Schnitzler u.a. führen Laudes, Vesper und Komplet in ihren Gemeinden ein. Während der Nazizeit wird die Komplet für viele Jugendliche Treffpunkt, Ausdruck und Quelle des Glaubens.

So zeigt sich im geschichtlichen Wandel die Kontinuität des täglichen Gottesdienstes in den Gemeinden in erstaunlichem Maße. Das österliche Lob an jedem Tag, das Tages-Pascha, gehört mit dem Sonntag als Wochen-Pascha zum Existential kirchlichen Lebens.

Öffentliches Gebet des Volkes Gottes

Die Liturgiekonstitution des 2. Vatikanums rückt das Stundengebet aus dem klerikalen Winkel wieder in die Mitte und sieht seinen Sinn darin, öffentliches und gemeinsames Gebet des Volkes zu sein. Das Stundengebet ist wie die Eucharistie Feier des Christusmysteriums. Auch in ihm vollbringt Christus das Werk der Erlösung, und die Kirche antwortet im Dialog dem himmlischen Bräutigam. Die Laudes als Morgenlob und die Vesper als Abendlob, nach der Überlieferung die beiden Angelpunkte des täglichen gemeinsamen Gebetes, sollen in allen Gemeinden geschätzt und gepflegt werden.

Mit dem Stundengebet ist hier das Gebet nach dem offiziellen "Stundenbuch" verstanden. Hier zeigt sich das Problem. Den Konzilsvätern hat eine lebendige Vorstellung von den Strukturen eines ortskirchlichen Tagzeitengebetes gefehlt. Das neue Stundenbuch von 1970 setzt die monastisch bestimmte Tradition fort. So bleibt eine ungelöste Spannung zwischen dem Wunsch nach Vollzug des täglichen Gebetes durch das ganze Volk Gottes und dem vorliegenden Modell des "Stundenbuches" in seiner monastisch geprägten Form. Zudem ist zu fragen, wie ein erneuertes Tagzeitengebet sich zu den Traditionen von täglicher Messe und Andachten verhalten soll. Wird der Ruf des Konzils ungehört verhallen, oder gibt es eine Chance zur Erneuerung des Tagzeitengebetes in den Pfarreien?

Eine Erhebung des Ist-Zustandes, der Situation des täglichen Gottesdienstes in den Pfarrgemeinden, könnte der Ausgangspunkt einer Antwort sein.

Einen Einblick in die Situation gewährt eine Untersuchung der Werktagsgottesdienste in 81 Pfarreien im Bereich von 7 Bistümern im Oktober 1983. Sie zeigt, daß die tägliche Messe nicht mehr selbstverständlich ist. Nur in 46 Kirchen wird täglich Eucharistie gefeiert, in 16 Kirchen gibt es ein bis zwei Werktagsmessen pro Woche, in 2 Kirchen findet kein Gottesdienst während der Woche statt. Wo mehrere Pfarreien von einem Priester geleitet werden, droht die Gefahr, daß durch den Wegfall der Werktagsmessen die Gemeindekirchen die Woche über geschlossen bleiben und die Tradition des täglichen Betens in den Gemeinden stirbt. Ein Morgen- und Abendgebet findet sich ganz selten und dann in Gemeinden, die regelmäßig Werktagsmessen haben, also nicht als Alternative zur Werktagsmesse. Da der tägliche Gottesdienst der Gemeinden weitgehend mit der Werktagsmesse identifiziert wird, stirbt mit dem Wegfall der Werktagsmesse durch den Priestermangel auch das tägliche gemeinsame Gebet, wenn nicht Neuansätze versucht werden.

Neuansätze

Der Auftrag des Konzils zur Rückgewinnung des Tagzeitengebetes in den Gemeinden bekommt durch den drohenden Wegfall der Werktagsmesse eine besondere Aktualität. Bevor es um die Frage der Form dieses Gebetes geht, ist zunächst eine Motivation notwendig. Grundlegend ist die Einsicht, daß es für jede Ortskirche eine innere Notwendigkeit ist, nach dem Bild ihres Hauptes –Christus – eine betende Kirche zu sein. Daraus ergibt sich die Konsequenz, daß die Laien das tägliche gemeinsame Gebet nicht mehr den "Spezialisten" überlassen dürfen, sondern in eigener Verantwortung die Berufung der Gemeinde realisieren können und sollen. Wir bedürfen dazu einer einfachen pfarrlichen Form, wie es sie in den Anfängen gegeben hat. Maßstab für diese Form müßte sein, daß auch eine Gebetsversammlung ohne akademisch-theologischen Leiter sie vollziehen kann. Die Situation in den Gemeinden erfordert, daß die im Stundenbuch vorliegende Form in Auswahl und Ergänzung so gehandhabt wird, daß sie der konkreten Gebetsversammlung angepaßt ist.

Als Grundelemente des Tagzeitengebetes könnte man zwei Bausteine nennen, nämlich ein Wort-Gottes-Element und ein Antwort-Element aus Lob, Dank und Bitte.

Die tägliche Lesung der Schrift ist heute durch den Lesezyklus der Messe festgelegt. Aus den Tageslesungen der Messe könnte also das Wort-Gottes-Element genommen werden. Zur Lesung gehört das "heilige Schweigen" und – je nach Umständen – auch die Auslegung durch Verlesung eines Textes oder durch ein Gespräch.

Aus der reichen Palette der Antwort-Elemente im Stundenbuch müßte für die Gemeindehore ausgewählt werden. Nie sollte ein Psalm aus dem Bestand des Tages fehlen. Sehr wichtig ist das Fürbitt-Element.

Das Tagzeitengebet soll wie jede liturgische Feier ein gegliedertes Ganzes sein, bei dem verschiedene Dienste zusammenwirken. Leiter könnte ein entsprechend vorgebildeter Laie sein.

Quellen für das Tagzeitengebet sind das Stundenbuch und das Meßlektionar. Für die Lieder können das "Gotteslob" oder andere Liedsammlungen hinzugezogen werden. Das "Kleine Stundenbuch" und das einbändige "Christuslob" bieten sich als Hilfsmittel an.

Perspektiven für eine Ordnung des täglichen Gemeindegebetes

Die Gemeinden und ihre Möglichkeiten sind zu verschieden, um eine Gottesdienstordnung zusammenzustellen, die für alle geeignet ist. Ideal wäre eine Gemeinde mit täglichem Morgenlob und Abendlob, wobei die Eucharistiefeier am Morgen oder Abend für das jeweilige Tagzeitengebet eintritt. In das Tagzeitengebet einbezogen werden die Formen der Teilkirchenliturgie, wie Andachten, Rosenkranz usw. In zentral gelegenen Kirchen mit zahlreichen Leitern könnte das Ideal des täglichen Morgen- und Abendgebetes verwirklicht werden. In Kirchen ohne eigenen Priester und mit nur gelegentlicher Messe am Werktag ist schon ein Tagzeitengebet täglich nicht leicht zu realisieren und ein anzustrebendes Ziel.

Wichtig wäre es, tragende Gruppen zu finden, die eine bestimmte Tagzeit gestalten würden. Auch eine Neubelebung von Gebetsbruderschaften, deren Teilnehmer sich zur Durchführung der Tagzeitenliturgie verpflichten würden, wäre zu erwägen.

Die Erfahrungen in manchen Gemeinden und auch in der Jugendliturgie geben zum Optimismus Anlaß. Der zunehmende Priestermangel könnte ein Grund werden, die älteste Form des werktäglichen Gotteslobes in der Gestalt des Tagzeitengebetes wieder aufleben zu lassen. Anstelle immer weniger Priester immer mehr Messen vorstehen zu lassen, käme es darauf an, die Gemeinden, d.h. die Laien, dazu zu befähigen, ihre tragende Rolle beim Gemeindegebet zu begreifen und in die Form des werktäglichen Gottesdienstes umzusetzen.

Betende Menschen in geöffneten Kirchen sind in einer Zeit, in der viele Junge und Ältere im Streß und in der Sinnlosigkeit ihres Alltags zu ersticken drohen und Auswege bei östlichen Gurus suchen, das Gebot der Stunde für unsere Gemeinden.

Gläubige Phantasie walten lassen

Wo die Kirche, wo die Gemeinde Gottesdienst feiert, da tritt sie "in Erscheinung", da vollzieht sie ihr Wesen in Leibhaftigkeit. Ihr Wesen aber ist der erhöhte Herr selbst als das Heil aller Menschen. Um der Präsenz des Heiles in der Welt willen ist werktägliche Liturgie notwendig. Lebendiger Gottesdienst in für alle offenen Kirchen ist ein unersetzbares Zeugnis in unserer Zeit. Am Schluß möge ein Zitat aus dem Brief stehen, den Bischof Kapellari aus dem österreichischen Klagenfurt an die Priester und Pfarrgemeinderäte seines Bistums geschrieben hat: "Ich bitte Sie dringend, das Bestmögliche zu tun, damit die Ihnen anvertrauten Häuser Gottes und der Menschen nicht zu Museen werden. Lassen wir nicht Bequemlichkeit walten, sondern gläubige Phantasie. Eine Kirche, in der nicht mehr oder nur selten gebetet würde, ist wie ein Brunnen ohne Wasser."

Franz Kohlschein, Gottesdienst 13 (1985) 24

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