  | |
Von der Bedeutung der liturgischen Versammlung am Sonntag
Das Wort Gottes ist wesentlich für die sonntägliche Versammlung
Erkennungszeichen in der Feier des christlichen Sonntags
Von der Bedeutung der liturgischen Versammlung am Sonntag
In gd 13/1984 berichtete Artur Waibel vom europäischen Treffen der Liturgiekommissions-Sekretäre in Irland. Thematik des Treffens war die abnehmende Teilnahme am Sonntagsgottesdienst. Hilfreich bei den Erörterungen waren vier Referate, in denen zum einen nach den Ursachen der rückläufigen Gottesdienstteilnahme gefragt wurde und zum anderen die grundlegenden Motive ins Bewußtsein gerufen wurden, welche die Christen von Anfang an bewogen haben, sich regelmäßig am "Tag des Herrn" zum Gottesdienst zu versammeln. Die Zusammenfassung dieser Referate in Thesenform kann nicht nur für das eigene Studium der Problematik nützlich sein, sondern bietet eine Grundlage für deren Behandlung in der Verkündigung oder in Bildungsveranstaltungen. Im Folgenden sind die ersten beiden Referate abgedruckt, die sich mit der Frage auseinandersetzen: Welches sind die ursprünglichen Beweggründe der Christus Glaubenden, am ersten Tag der Woche zusammenzukommen? Die zwei weiteren Referate, die mehr zur heutigen Situation Stellung nehmen, werden in den nächsten Nummern von gd veröffentlicht. gd
Die gemeinschaftliche Christusbegegnung am ersten Tag der Woche
Erste These: Christliches Leben besteht darin, sich fortwährend für eine Existenz im Gegenüber mit Gott und den Menschen im Sinne des Evangeliums und in der Gemeinschaft mit Jesus Christus zu entscheiden.
• Die christliche Lebensweise ist nicht angeboren, sondern muß nach und nach erworben werden. Die christliche Lebensweise bleibt auch nicht von alleine erhalten; sie muß bewußt und gewollt gepflegt werden. Christ werden ist ein lebenslanger Prozeß. Es bedarf immer neuer Bemühungen und zugleich der Bestätigung durch Mitglaubende.
• In der Geschichte der Menschheit tritt die christliche Lebensweise auf nicht als eine Aktivität von einzelnen, sondern als das Handeln einer Gruppe. Diese Gruppe oder "koinonia" wurde nicht gegründet im strengen Sinn des Wortes, sondern sie wurde "geboren". Die Geburt dieses neuen WIR entsprang nicht aus einer gemeinsamen sozialen Situation, nicht aus einer gemeinsamen Kultur und ebensowenig aus einer gemeinsam erfahrenen Notwendigkeit. Dieses neue WIR wurde geboren aus dem persönlichen "JA" unterschiedlicher Menschen zu Jesus Christus, der ihnen begegnet ist. Dieses neue WIR durchkreuzte die alten Trennlinien zwischen Männern und Frauen, Armen und Reichen, Juden und Griechen, Freien und Sklaven.
• Von diesem neuen WIR ging eine bemerkenswerte Werbekraft aus. Die ersten Gläubigen nahmen die Osterbotschaft absolut ernst. Sie hielten daran fest und wandten sie an, indem sie regelmäßig in einem ihrer Häuser zusammenkamen, um sich die Worte des Evangeliums immer wieder sagen zu lassen, um zusammen zu beten und "das Brot zu brechen", um ihre geistlichen und materiellen Güter miteinander zu teilen (vgl. Apg 2,42-47).
• Diese Beschreibung in der Apostelgeschichte ist zwar idealisierend, aber sie geht wohl auf eine historische Tatsache zurück, nämlich auf die Tatsache, daß nach Jesu Hinrichtung und der Flucht seiner Jünger eine Gemeinschaft entsteht, die davon Zeugnis gibt, daß sie mit Jesus wie mit einem Lebenden umgeht. Diese Gemeinschaft strahlt eine solche Vitalität aus, daß im Namen Christi innerhalb von zwei Menschenleben die an Christus Glaubenden in der ganzen damals bekannten Welt von Stadt zu Stadt zusammenkamen (vgl. 1 Kor 1,2).
• Diese "Christen" – wie sie von Außenstehenden genannt wurden (vgl. Apg 11,26.28) – führen ihr neues Lebensmodell einer neuen Gemeinschaft mit Gott und miteinander zurück auf die Lebensweise und das Lebenswerk Jesu. Im Glauben an sein Evangelium folgen sie ihm als dem "Weg".
Zweite These: Diese neue Zusammengehörigkeit hat ihren Ursprung in den Begegnungen des gekreuzigten und auferstandenen Herrn mit den Seinen, und sie dauert fort kraft der lebendigen Kommunikation Jesu Christi mit und in der Gemeinschaft der an ihn Glaubenden.
• Die Osterbegegnungen, die im Neuen Testament beschrieben werden, sind kirchenstiftend. Es sind persönliche Begegnungen mit dem auferstandenen Herrn, der diese überraschten Menschen aufeinander zusendet, damit sie einander finden und ihren erwachenden Oster- und Christusglauben bestärken. Die entscheidenden Offenbarungen Jesu als des Christus ereignen sich "in ihrer Mitte" (vgl. Joh 20,19.26) und meist im Rahmen eines gemeinsamen Mahles.
• Seit den Osterereignissen werden die "Jünger" zu "Brüdern", weil Jesu Vater auch ihr Vater ist (vgl. Joh 20,17). Diese charakteristische Selbstbezeichnung, die 160mal in der Apostelgeschichte und den Briefen vorkommt, beruht nicht nur auf einer gemeinsamen Erinnerung an Jesus, sondern auch und vor allem auf einer immer weitergehenden Reihe von Begegnungen mit Jesus als dem bleibenden "Herrn und Christus" durch alle Generationen (vgl. Apg 2,36). Seitdem besteht die grundlegende Lebensregel "Liebt die Brüder" (1 Petr 2,17).
• Diese Brüderlichkeit bleibt erhalten aufgrund der Kommunikation mit "dem Erstgeborenen unter vielen Brüdern" (Rom 8,29). Er bildet den persönlichen Mittelpunkt ihrer Versammlung; "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen" (Mt 18,20). Die Emmausgeschichte spiegelt die Glaubenserfahrung der jungen Christengemeinde wider. Die versammelten Gläubigen erkannten die wirkkräftige Gegenwart Christi in dem, der "im Namen des Herrn" ihrer Versammlung vorstand. Sie hörten das Evangelium als die aktuellen Worte des lebendigen Herrn selbst. Sie wußten sich auf eine einzigartige Weise mit ihm verbunden, wenn sie "im Namen Jesu" getauft wurden, um so in seine Gemeinde eingegliedert zu werden. Sie wußten sich auf Dauer mit ihm verbunden, wenn sie immer wieder das eine Brot brachen und den einen Kelch weiterreichten, gesegnet und ausgeteilt gemäß seinem Auftrag, "bis er wiederkommt" (1 Kor 11,26).
Dritte These: In der liturgischen Versammlung wird Jesus Christus durch Wort und Zeichen "Zeitgenosse" jeder Generation und "Wegbegleiter" der Menschen an jedem Ort. Er tut dies durch die Aussendung seines Heiligen Geistes, der uns lebendig macht und zur Einheit führt.
• In der liturgischen Versammlung wird nicht nur über Jesus Christus gesprochen, nein, er selbst spricht und fordert zur Antwort heraus. Liturgische Handlungen sind nicht so sehr Formen eines Anschauungsunterrichts als vielmehr Handlungen, die der Herr jetzt mit und an seiner Kirche vollzieht. Christlicher Gottesdienst ist Dialog zwischen dem einst gekreuzigten und jetzt verherrlichten Christus und den Seinen. Ein Dialog kann nur stattfinden zwischen Partnern, die in der gleichen Zeit leben und außerdem über Sprache und Zeichen miteinander Kontakt haben können.
• Die Ostererlebnisse führten dazu, daß die Jünger "alle an einem Ort versammelt" waren (Apg 2,1). Da kam der Geist des Herrn über sie. Er hält sie zusammen bis auf den heutigen Tag. Er bewirkt auch, daß sie als Gruppe nach außen auftraten, um die Osterbotschaft durch ihr Wort und vor allem durch ihr Leben zu verkünden. Pfingsten, der fünfzigste Ostertag, bedeutet überströmende Fülle. Pfingsten war für Israel auch der Gedenktag des Bundes, aus dem einst jüdische Gemeinschaft geboren wurde. An Pfingsten erhielt auch das neue Volk Gottes seine eigene Gestalt.
• Der Übergang vom Pascha Jesu in das Pfingsten der jungen Kirche wird im vierten Evangelium als ein Ereignis beschrieben, das an einem Tag stattgefunden hat. Dieser Übergang vollzieht sich in einem Rahmen, der an die christliche Versammlung am Sonntag, "am ersten Tag der Woche", denken läßt. Als die Jünger hinter verschlossenen Türen versammelt waren, offenbarte der Herr sich "in ihrer Mitte". Er zeigte ihnen seine Wunden und bewies ihnen seine lebendige Nähe. Er hauchte seinen Geist auf sie zu und sandte sie aus, den empfangenen Frieden mit anderen zu teilen (vgl. Joh 20,19–23). Thomas sollte sich eine Woche danach, wieder am ersten Tag der Woche, den versammelten Jüngern anschließen, um die Oster- und Pfingstmysterien mit ihm ihnen teilen zu dürfen (vgl. Joh 20,24 ff.).
Schluß
In der Zeit, als das vierte Evangelium entstand, erkannten die Gläubigen in den Osterberichten ihre eigene Situation wieder. Emmaus lag überall. Für die Judenchristen hatte "der erste Tag der Woche" den Sabbat als heiligen letzten Tag eingeholt. Die Wendung "an einem Ort versammelt" kommt so oft als Beschreibung christlicher Versammlung vor, daß man sie als terminus technicus verstehen darf (vgl. Apg 1,15; 2,1; 2,44; 1 Kor 11,20; 14,24; Ignatius von Antiochien; Clemens Romanus). Schließlich bedeutete das griechische Wort "ekklesia" für die ersten Generationen sowohl Gemeinschaft als auch Versammlung. In mehreren Fällen ist im Neuen Testament nicht eindeutig auszumachen, ob damit die bleibende Gestalt der christlichen Gemeinschaft gemeint ist oder eine Versammlung. Ohne Versammlung, besonders am ersten Tag der Woche kann ein Christ nicht in der Brüderlichkeit durchhalten. Ein Glaubender aus dem dritten Jahrhundert bezeugt dies positiv so: "Von wo wir auch herstammen, wir alle werden ‚Christen‘ genannt wegen des Namens Christi und wegen unserer Versammlungen am ersten Tag der Woche."
Die Versammlung am Sonntag: Wir werden ausgesandt, um uns wieder zu versammeln
In der Dynamik der christlichen "Lebensweise" kann man sowohl eine zentripetale als auch eine zentrifugale Bewegung feststellen. Niemand kann für sich allein Christ werden oder Christ bleiben, zugleich aber empfängt jeder Christ die Sendung, um das Evangelium möglichst vielen Menschen bekannt zu machen.
Vierte These: Die faktische wöchentliche Versammlung der an Christus Glaubenden hat eine anthropologische Grundlage und eine Vorgeschichte jüdischer Glaubenserfahrung, aber sie wird wesentlich bestimmt durch das Paschaereignis "am ersten Tag der Woche", das darauf ausgerichtet ist, alle Menschen in der Christus-Gemeinschaft zusammenzuführen.
• Niemand kann Mensch werden für sich allein. Diese Lebensregel gilt für die ganze Dauer des Menschenlebens. Deshalb besuchen Verwandte sich gegenseitig, weil sie etwas miteinander zu teilen haben durch "Anteilgabe" und "Anteilnahme". Die gegenseitige Bestätigung der persönlichen Lebensweise eines jeden führt zu Frieden, Lebenskraft und Lebensfreude.
• Das Volk Israel ist gleichzeitig als Volksgemeinschaft und als Gemeinde Jahwes entstanden. Aufgrund seines gläubigen Umgangs mit der Schöpfung und seiner eigenen Geschichte bezeichnete es sich selbst als "Quahal Jahwe", als "Ekklesia Dei", als "von Gott Zusammengerufene". Am intensivsten erfuhr Israel diese Titel, wenn es versammelt war vor dem "Begegnungszelt" und später in den Vorhöfen des Tempels. Israel erfuhr seine verfassungsgemäße Bundesbeziehung ferner auch in der Heiligung des "siebten Tages", des Tages, an dem Gott nach Beendigung der Schöpfung ruhte. Die Feier des Sabbats ist heute gekennzeichnet durch die Hausliturgie am Vorabend und durch Gang zur Synagoge.
• Die wöchentliche Versammlung des neuen Bundesvolkes steht unter dem Zeichen der Auferweckung Jesu durch Gott am ersten Tag der Woche. Die Christen kommen zusammen zu einem neuen "Gedenken", allerdings in der Verlängerung der "Gedenkfeiern" Israels, zugleich aber am ersten Tag einer neuen Schöpfung. Diese neue Schöpfung ist nicht nur für das Volk Israel bestimmt, sondern dazu, "um die versprengten Kinder Gottes wieder zusammeln" (Joh 11,52). Die Gemeinschaft der an Christus Glaubenden ist Zeichen und Instrument im heilsgeschichtlichen Werk Gottes, damit alle Menschen zur Gemeinschaft mit ihm und miteinander gelangen. Diese heilshistorische Dimension prägt den eigentlichen Charakter der sonntäglichen Versammlung mit. Die Gedenkfeier von Leiden und Auferstehung Jesu beinhaltet auch die "Gemeinschaft für das Evangelium (und seine Weitergabe)" (Phil 1,5). Wenn wir immer wieder neu den Geist Christi empfangen, dann empfangen wir zugleich auch immer wieder die pfingstliche Sendung.
Fünfte These: Das charakteristische Merkmal der christlichen {gottesdienstlichen) Versammlung liegt in ihren spezifischen Kommunikationsmitteln, die Jesus Christus seiner neuen " Communio" hinterlassen hat und die er durch die wirksame Gegenwart seines Heiligen Geistes um seinetwillen und für alle Generationen zu "lebendigen Worten" und "lebendigen Zeichen" macht. Diese Kommunikationsmittel sind einerseits urmenschlich und weisen andererseits unmißverständlich auf das "Christus-Ereignis" hin.
• Menschliche Kommunikation geschieht mittels Wort und Gebärde. Ein Drittes gibt es nicht. Auf diesen beiden Wegen verkehrte Jahwe mit seinem Volk Israel. Auf diese Weise, freilich noch vollkommener und eindringlicher, hat das menschgewordene Wort Gottes in seiner geschichtlichen Existenz unter den Menschen Kommunikation mit den Seinen eröffnet und vollzogen. Auf die Beziehung zwischen menschlichem Wort und menschlicher Gebärde werden wir später noch zu sprechen kommen; hier genügt die Feststellung ihres typisch menschlichen Charakters.
• Mit denselben menschlichen Kommunikationsmitteln unterhält der jetzt bei Gott lebende Christus die Beziehung zu seinen Gläubigen bis zu seiner endgültigen Wiederkunft. Es ist eine Kommunikation in Worten und Gesten, die in seinem Namen und gemäß seinem Auftrag geschieht. Es ist eine Kommunikation, in der die Partnerbeziehung zwischen ihm und den Glaubenden und auch zwischen den Glaubenden untereinander lebendig wird. Durch das Wort des Evangeliums werden die Glaubenden auf ihn und zugleich aufeinander bezogen, so daß die "ekklesia Christi" entsteht. Auf den Namen Jesu getauft zu werden bedeutet: vom Herrn selbst eingegliedert zu werden in seinen kirchlichen Leib. Die Teilnahme am "Tisch des Herrn" bestätigt und intensiviert diese Eingliederung. Nach einem etwaigen Bruch mit dem Herrn und seiner Gemeinde stellt das Sakrament der Versöhnung die verletzte Gemeinschaft durch die Vergebung der Sünden in seinem Namen wieder her.
• Von diesem Wort und diesen Sakramenten gilt, daß sie auf Jesu geschichtliches Sprechen und Handeln unter den Menschen zurückgehen. Von beiden Kommunikationsmitteln gilt ferner, daß sie durch die aktuelle Wirksamkeit des Geistes Christi auch jetzt und hier "lebendige" Worte und "lebendige" Zeichen sind. In der gottesdienstlichen Versammlung wird nicht nur über Jesus gesprochen, sondern er spricht auch selbst; es ist der Geist, der die einst gesprochenen Worte neu spricht und der mit seinem Hauch verkündet, was er von Jesus hört (vgl. Joh 16,13–15). In der Kraft des Geistes ist die Taufe nicht nur eine menschlich-religiöse Zeremonie, sondern eine aktuelle "Wiedergeburt aus Wasser und Geist" (vgl. Joh 3,5), Durch den Heiligen Geist kommt "die Gemeinschaft mit dem Leib und Blut des Herrn" zustande (vgl. Joh 6,63), durch den Geist ist die Vergebung der Sünden "auf Erden" zugleich Vergebung "im Himmel" (vgl. Joh 20,22–23).
Sechste These: Christi Wort und Sakrament setzen einander voraus und bringen in gegenseitiger Abhängigkeit das Paschamysterium zum Ausdruck, das am intensivsten erfahren wird in der eucharistischen Versammlung. Als menschliches und gläubiges Handeln hat der Dienst am Wort und am Sakrament aber auch eine gewisse Eigenständigkeit, die in bestimmten Feiern sichtbar wird.
• In der menschlichen Kommunikation ergänzen sich Sprache und Zeichen gegenseitig. Worte gehören zur Kategorie menschlicher Zeichen. Zeichen sagen manchmal mehr als Worte. Häufig benötigen Zeichen Worte, um eindeutig sein zu können. So ging auch Jesus mit seinen Jüngern um, vor allem bei seinem Abschiedsmahl und bei seinen Osterbegegnungen mit ihnen. In der Emmauserzählung, in der sich die frühkirchliche Glaubenserfahrung widerspiegelt, funktioniert die herzerwärmende Schriftdeutung als Hinführung zur eucharistischen Begegnung, die ihrerseits erst das volle Verständnis der Schrift möglich macht. Folglich weisen alle sakramentalen Feiern der Kirche zwei Komponenten auf: den Gottesdienst des Wortes und den Gottesdienst des rituellen Handelns im strengen Sinn. Das Zweite Vaticanum hat bezüglich der Meßfeier ausdrücklich darauf hingewiesen, daß Wortgottesdienst und Eucharistiefeier "einen einzigen gottesdienstlichen Akt" ausmachen (SC 56; vgl. AEM 8).
• Das gepredigte Wort als Auslegung des Schriftwortes hat ebenso wie sein liturgischer Rahmen von Gebeten, Hymnen und Psalmen heiligende Kraft aufgrund des darin wirksamen Heiligen Geistes (vgl. Eph 5,19; Kol 3,16; 1 Kor 14,26). Andererseits hat jedes Sakrament Verkündigungscharakter, und im besonderen wird die Eucharistie charakterisiert als "Verkündigung des Todes des Herrn" 1 Kor 11,26). Aus diesem Grund haben sowohl eigenständige Wortgottesdienste (mit Predigt, Stundengebet, Schriftlesung, Gebet und Lied) als auch überwiegend rituelle Feiern ihren Platz in der Tradition der Kirche erhalten.
• Gläubige Reflexion zeigt freilich, daß die Einheit von Wort und Sakrament letztlich darin begründet liegt, daß Christus selbst sowohl in der Predigt als auch in der Feier gegenwärtig ist. Predigt und Feier setzen aber einen Prediger bzw. einen Vorsteher voraus. Auch im Dienst des Predigers und Vorstehers macht also Christus seine wirksame Gegenwart sichtbar. Kraft ihrer sakramental bestätigten Sendung treten sie im Namen Christi und im Vertrauen auf den verheißenen Geist Christi auf. Das Zweite Vaticanum hat sich gerade darüber besonders deutlich geäußert in dem bekannten Artikel 7 der Liturgiekonstitution. Die Allgemeine Einführung in das Meßbuch greift diese Aussage auf, allerdings mit einer interessanten Abänderung der Reihenfolge gegenüber dem konziliaren Text: Christus ist "wirklich gegenwärtig in der Gemeinde, die sich in seinem Namen versammelt, in der Person des Amtsträgers, in seinem Wort sowie wesenhaft und fortdauernd unter den eucharistischen Gestalten" (AEM 7).
Schluß
Wenn die Kirche Christi sich zu ihrem Gottesdienst versammelt als "geistiger Tempel" aus "lebendigen Steinen", dann wird in der Feier sichtbar, daß Christus der von Gott "in Zion auserwählte ... Eckstein" ist (vgl. 1 Petr 2,6). Am eindringlichsten wird das sichtbar in einer Wort- und Eucharistiefeier unter Leitung des Bischofs (vgl. SC 26 und 41). Der Pfarrgottesdienst partizipiert an dieser Zeichenhaftigkeit (vgl. SC 42).
Das Ideal für die Pfarrgemeinde ist eine "vollständige" Feier an jedem Sonntag. Darum herum gab es seit alters Wortgottesdienste, und zwar entweder als Stundengebet oder als Predigt- oder Gebetsgottesdienste. Diesen Feiern steht normalerweise der zuständige Priester oder ein Diakon vor, doch kann unter ihrer Verantwortung auch ein geeigneter Laie die Versammlung leiten. Der Laie hat zwar nicht die sakramental bestätigte Sendung zum Predigtdienst, aber er kann doch auf jeden Fall die Schriftlesung erläutern und das Wort Gottes auf das Leben im Alltag anwenden.
(Aus dem Niederländischen übersetzt von Artur Waibel)
Arbeitshilfe
Wird dieser Beitrag im Rahmen einer Bildungsveranstaltung verwendet, so könnten folgende Fragen – je nach Teilnehmerkreis – für das Gespräch von Nutzen sein.
1. Prägt die Glaubenswirklichkeit, von der in den Thesen 1–6 die Rede ist, unsere Pastoral?
Kommt diese Glaubenswirklichkeit in unseren Gottesdiensten zum Ausdruck und zur Wirkung?
Ist sie in unseren Gottesdiensten für die teilnehmenden Gläubigen erfahrbar? Für alle oder nur für bestimmte Schichten oder Altersgruppen?
Diese Fragen zielen ab,
– auf eine Auseinandersetzung mit den theologischen Aussagen der beiden Referate;
– auf eine Beschäftigung mit der Soziologie des Sonntags und mit den Wünschen und Motiven der Menschen gegenüber dem Sonntag;
– auf eine Konfrontation dieser beiden Wirklichkeiten.
2. Was bedeutet der Sonntag für uns selbst? Wie leben wir am Sonntag? Wie feiern wir den Sonntag?
Wie prägt die Glaubenswirklichkeit des Sonntags unser Leben?
Wie prägt die Theologie des Sonntags unseren Sonntagsdienst?
Welche Schwierigkeiten erfahren wir dabei? Woher kommen diese Schwierigkeiten?
Welche guten Erfahrungen haben wir persönlich gemacht? Wodurch wurden diese guten Erfahrungen ausgelöst?
3. Wo liegen die tieferen Gründe für die Klagen der Katholiken zum Zustand der von ihnen erfahrenen Gottesdienste? Welche Motive stehen hinter ihren Wünschen? – Was können wir daraus lernen?
Das Wort Gottes ist wesentlich für die sonntägliche Versammlung
Das griechische Wort "ekklesia", das in der jüdischen und christlichen Tradition als Eigenname im Sinne von "ekklesia Dei" bzw. "ekklesia Christi" verwendet wird, weist auf den Primat des Wortes Gottes in der Heilsgeschichte hin. Die Antwort auf dieses Wort durch den "Glauben des Herzens" und das "Bekenntnis des Mundes" bringt Gerechtigkeit und Heil (vgl. Röm 10,8-10).
Siebente These: Das Volk Gottes kommt in erster Linie durch das lebendige Wort Gottes zusammen. Deshalb umfaßt die apostolische Sendung, die für den fortdauernden Aufbau der Kirche Christi in besonderer Weise den Bischöfen und ihren unmittelbaren Mitarbeitern, den Priestern und Diakonen, anvertraut ist, als erste Aufgabe die Verkündigung des Wortes Gottes. Das Volk Gottes hat seinerseits ein heiliges Recht auf diese Verkündigung.
• Gottes Heilskommunikation mit dem Menschen beginnt mit einem göttlichen Wort, einem "unvergänglichen Wort des lebendigen und ewigen Gottes" (1 Petr 1,23). Dieses Wort führte die getrennten Stämme Israels zusammen und machte ein einziges Volk Gottes aus ihnen. Durch das Werk Christi "breitete sich das Wort Gottes aus und die Zahl der Jünger in Jerusalem wurde immer größer" (Apg 6,7; vgl. 12,24).
• Der Auftrag Christi "Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!" (Mk 16,15) erhielt eine kirchlich-sakramentale Gestalt im Ritus der Weihe eines Bischofs, Priesters und Diakons. Jedem dieser drei Amtsträger werden drei spezifische Aufgaben übertragen, die wesentlich miteinander zusammenhängen: Predigt, Gottesdienst und Gemeindeleitung (bezüglich der Priester siehe PO 4, Anm. 5).
• Weil seine eigene Existenz vom Empfang des Wortes Gottes abhängt, hat das Volk Gottes ein Recht, dieses Wort vom Priester zu verlangen (vgl. CIC can. 762). Aus diesem Grund gehört es "zu den hauptsächlichen Pflichten der Priester, allen das Evangelium Gottes zu verkünden" (ebd.) Daraus ergibt sich das Recht der Bischöfe, Priester und Diakone, in der gottesdienstlichen Versammlung zu predigen – jeder entsprechend der Stellung, die er in der Kirche einnimmt (vgl. can. 763, 764 und 765 CIC).
Achte These: Obwohl die Predigt zum Lehramt der Kirche gehört, kann es in besonderen Situationen erlaubt und sogar wünschenswert sein, daß auch Laien in einer Kirche oder einen Oratorium predigen. Durch Taufe und Firmung nehmen die Laien teil am prophetischen Amt Christi, und als Glieder der Kirche Christi sind sie ausgestattet mit dem Glaubenssinn und der Gnade des Wortes, um Zeugnis zu geben vom Evangelium. Die Homilie im strengen Sinn als amtliche Erschließung eines biblischen oder liturgischen Textes steht allerdings den Laien nicht zu.
• Während es nach dem CIC von 1917 Laien untersagt war, in einer Kirche oder einem Oratorium zu predigen (can. 766), wird ihnen im neuen CIC von 1983 diese Möglichkeit unter bestimmten Bedingungen zugestanden (can. 766 unter dem Titel "Dienst am Wort Gottes", im ersten Kapitel "Predigt des Wortes Gottes"). Die Bedingungen sind:
- wenn es notwendig oder
- in Einzelfällen als nützlich angeraten ist,
- nach Maßgabe der Vorschriften der Bischofskonferenz,
- ausgenommen die Homilie, die dem Priester oder Diakon vorbehalten wird.
• Die ekklesiologische Möglichkeit des Predigtdienstes durch Laien gründet im gemeinsamen Priestertum, das ihnen in der Taufe verliehen und durch die Firmung bestätigt wird. Dieses gemeinsame Priestertum gibt nicht nur jedem Getauften "das Recht und die Pflicht" zur "vollen, bewußten und tätigen Teilnahme an den liturgischen Feiern" (SC 14,1), sondern ruft auch auf, "die großen Taten Gottes zu verkünden", der ihnen das Licht des Glaubens geschenkt hat (vgl. 1 Petr 2,9). Das Zweite Vatikanum bestätigt, daß Christus seinen prophetischen Dienst sowohl durch das Lehramt als auch durch das Zeugnis der Laien ausübt; es weist unter Nennung von Apg 2,17-18 und Offb 19,10 hin auf den "sensus fidei" und die "gratia verbi" an denen alle teilhaben. Das Konzil nennt den Bereich "des alltäglichen Familien- und Gesellschaftslebens" wo die Laien "mit dem Leben aus dem Glauben das Bekenntnis des Glaubens verbinden". Das Konzil sagt dann zum Schluß: "Wenn geweihte Amtsträger fehlen oder in Verfolgungszeiten behindert werden, üben einige von ihnen (d.h. von den Laien) nach bestem Können stellvertretend gewisse heilige Funktionen aus"(LG 35).
• Über die Homilie sagt der neue CIC: "Unter den Formen der Predigt ragt die Homilie hervor, die Teil der Liturgie selbst ist und dem Priester oder dem Diakon vorbehalten wird; in ihr sind das Kirchenjahr hindurch aus dem heiligen Text die Glaubensgeheimnisse und die Normen für das christliche Leben darzulegen" (can. 767 § 1; vgl. SC 52). Die Instruktion "Inter Oecumenici" (vom 26.9.1964) erläutert den Konzilstext folgendermaßen: "Unter ‚Homilie über einen heiligen Text‘ wird verstanden: die Erklärung der Schriftlesungen unter einem bestimmten Gesichtspunkt oder die Erklärung eines anderen Textes aus dem Ordinarium oder dem Proprium der Tagesmesse" (Nr. 54, vgl. AEM 41). Ferner übernimmt der neue CIC die Bestimmung des Konzils, daß an jedem Sonntag und gebotenen Feiertag die Homilie vorgeschrieben ist und daß sie nur aus schwerwiegendem Grund ausfallen darf. Bei ausreichender Teilnehmerzahl wird auch in Messen während der Woche eine Homilie empfohlen oder wegen eines Festes oder traurigen Anlasses. Der Pfarrer oder der Kirchenrektor hat dafür zu sorgen, daß diese Vorschriften gewissenhaft eingehalten werden (can. 767 § 2 und § 3).
Neunte These: Da das Volk Gottes durch alle Generationen immer wieder neu zusammengerufen wird und da es aufgerufen ist, in der fortdauernden Heilsgeschichte Gottes gehorsam mitzuarbeiten, steht neben dem Tisch der Eucharistie immer auch der "Tisch des Wortes Gottes", auf dem die Schrift gelesen, verkündet und angenommen wird.
• Im Mittelpunkt der liturgischen Versammlung stehen zwei Tische, der Altartisch und der "Tisch des Wortes Gottes" (CS 51). Das Wort Gottes wird zu Recht mit Speise und Trank verglichen, wie ja auch Jesus selbst sowohl seine Lehre als auch seinen hingegebenen Leib als "Brot des Lebens" bezeichnet hat (vgl. Joh 6,35-50 bzw. 51-58).
Das Zusammenrufen der Vielen um das eine Wort ist ein dynamischer Vorgang, der nicht mit einemmal abgeschlossen ist, sondern fortdauert, und zwar nicht nur deshalb, weil der einzelne Gläubige den Ruf Gottes im fortdauernden Prozeß seiner eigenen Bekehrung immer wieder nötig hat, sondern auch deshalb, weil das Volk Gottes als Ganzes auf seinem Weg durch "Prüfungen und Trübsal" das Wort Gottes braucht, "um in der Schwachheit des Fleisches nicht abzufallen von der vollkommenen Treue" (LG 9,3: vgl. 8,3).
• Die liturgische Versammlung hat nicht so sehr Unterweisung zum Ziel, sondern Dialog, und zwar vor allem den Dialog mit dem menschgewordenen Wort Gottes. In der liturgischen Lesung und Verkündigung wird Jesus Christus kraft seines Geistes unser heutiger Lehrer, der auch heute sagt: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben" (Joh 14,6). Jesus spricht zu uns in der Verlängerung des Wortes Gottes an Israel (vgl. Lk 24,27); er spricht zu uns ebenso durch seine Apostel, die sein Evangelium übersetzten, so wie es von der kirchenstiftenden Urgemeinde verstanden wurde. Daher die drei Lesungen im Sonntagsgottesdienst, von denen bei allen situationsbedingten Auswahlmöglichkeiten das Evangelium nie ausgelassen werden darf.
• Wo eine vollständige eucharistische Versammlung nicht möglich ist, stellt auch ein Wort- oder Gebetsgottesdienst eine authentische Form der sonntäglichen Versammlung dar. Wenn bei dieser Gelegenheit die Kommunion ausgeteilt wird, muß die Verbindung zu der vorausgehenden Meßfeier sichtbar sein. Wo am Sonntag eine Meßfeier möglich ist, kann es trotzdem sinnvoll sein, gelegentlich einen Wort- oder Gebetsgottesdienst zu halten. Diese haben nicht nur einen Wert in sich, sie bieten auch den Vorteil, daß die Gemeinde mit dieser Art von Gottesdiensten vertraut wird, so daß sie sich bei Abwesenheit eines Priesters am Sonntag auf eine ihr bekannte Weise versammeln kann. Vielleicht können solche Gottesdienste am besten von einigen Gläubigen gemeinsam geleitet werden, wenn kein beauftragter Vorsteher zur Verfügung steht. Der Unterschied zu einem vollständigen eucharistischen Gottesdienst wird dadurch deutlicher, und andererseits werden dann mehr Gläubige zu diesem Leitungsdienst bereit sein, und ihr Dienst wird auch leichter angenommen.
Schluß
Die Predigt im Gottesdienst ist um so wichtiger, je weniger Möglichkeiten für andere Formen der Glaubensverkündigung zu Verfügung stehen, wie das in vielen westlichen Ländern der Fall ist.
Bei der Auswahl der Predigtthemen, die nicht unmittelbar von den Lesungen des Lektionars im Laufe des Kirchenjahres abgedeckt werden, kann vielleicht ein Hinweis des neuen CIC hilfreich sein.
Dort werden folgende Themen empfohlen: die Würde und die Freiheit der menschlichen Person, die Einheit und Festigkeit der Familie und deren Aufgaben, die Pflichten, die den Menschen in der Gesellschaft aufgegeben sind, wie auch die nach der gottgegebenen Ordnung zu regelnden weltlichen Angelegenheiten (can. 768 § 2)
(Aus dem Niederländischen übersetzt von Artur Waibel)
Arbeitshilfe
Wird dieser Beitrag im Rahmen einer Bildungsveranstaltung verwendet, so können folgende Fragen – je nach Teilnehmerkreis – für das Gespräch von Nutzen sein.
1. Welche Erfahrungen haben Sie selbst in Ihrem persönlichen Leben mit dem Wort Gottes gemacht?
Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Wort Gottes Ihrer Gemeinde gemacht?
Wie hat sich Ihr Dienst als Verkünder des Wortes Gottes auf Ihr eigenes Leben ausgewirkt?
2. Entspricht der sonntägliche Wortgottesdienst, den Sie erleben (für den Sie verantwortlich sind,) der Glaubenswirklichkeit, von der in den Thesen 6-9 die Rede ist?
Welche Schwierigkeiten zeigen sich? Wo liegen die Gründe für diese Schwierigkeiten?
Was können wir voneinander lernen?
3. Wie beurteilen Sie die Neuregelungen bezüglich der Homilie im CIC, can. 767-769?
Was halten Sie von "thematischen" Predigten, also von solchen, die nicht mit den liturgischen Texten des Tages in Beziehung stehen?
4. Welche Erfahrungen mit Laienpredigten können Sie berichten?
5. Welche Erfahrungen haben Sie als Vorsteher mit dem Wortgottesdienst der Sonntagsmesse gemacht?
Welches Leitbild bestimmt Ihr Handeln? Wie bereiten Sie sich auf diesen Dienst vor? Welche Schwierigkeiten begegnen Ihnen dabei? Wo liegen Ursachen dafür? Wie konnten Sie mit ihnen fertig werden?
Erkennungszeichen in der Feier des christlichen Sonntags
In der Christianisierung der westeuropäischen Gesellschaft spielte die öffentliche Feier des Sonntags eine wichtige Rolle. Der Sonntag erhielt eine gesellschaftliche Bedeutung durch den gemeinsamen Kirchgang, durch die Sonntagsruhe und das damit verbundene Familienbrauchtum. Die Säkularisierung sowie die Veränderungen in Gesellschaft und Familie haben dem Ansehen des Sonntags innerhalb kurzer Zeit sehr geschadet. Die Frage ist, welche christlichen Werte des Sonntags es verdienen, daß man sie auf jeden Fall erhält oder zurückgewinnt oder den veränderten Lebensgewohnheiten der heutigen Menschen im Westen anpaßt.
Zehnte These: In den meisten westeuropäischen Ländern ist die Teilnahme am Sonntagsgottesdienst rückläufig. Der spezifische Sinn des christlichen Sonntags lebt immer weniger im Bewußtsein, während die Sonntagsruhe entweder anders erfahren oder ganz aufgegeben wird.
• Übervolle Kirchen beim Sonntagsgottesdienst werden mehr und mehr zu Ausnahmen. Wo sie noch vorkommen, ist das Phänomen örtlich begründet. In den großen Städten ist der Rückgang des Gottesdienstbesuchs deutlicher spürbar als auf dem Land. Schon in der apostolischen Zeit gibt es Ermahnungen an die Adresse derer, die dem Gottesdienst fernbleiben (z.B. Hebr 10,25), und im Laufe der Kirchengeschichte gab es schon öfters Zeiten mit niedrigerem Gottesdienstbesuch. Trotzdem scheint unsere gegenwärtige Situation von der Art zu sein, daß man Maßnahmen ergreifen muß, um die rückläufige Entwicklung aufzuhalten.
• Das Kirchengebot, das einst nötig war, um den sonntäglichen Kirchgang sicherzustellen (CIC 1917 can. 1248; CIC 1983 can. 1247), wird heute im allgemeinen weniger legalistisch aufgefaßt und weniger streng ausgelegt. Offensichtlich spielt es im Bewußtsein der Mehrheit – wenigstens in den meisten Ländern – keine große Rolle mehr. Andere, die noch regelmäßig am Gottesdienst teilnehmen, tun dies nicht so sehr aufgrund des Gebotes, sondern aufgrund der Tradition. Viele gehen zwar regelmäßig zum Gottesdienst, aber nicht jeden Sonntag.
Was man so allgemein feststellen kann, gilt in besonderem Maß für die Jugend. Wo der soziale Zwang zum Kirchgang weggefallen ist, scheint an manchen Orten ein sozialer Zwang zum Fernbleiben vom Gottesdienst entstanden zu sein, und gerade die Jugend ist hierfür empfänglich.
• In vielen Ländern hat der Sonntag seine Bedeutung als "Tag des Herrn" und ebenso als der "erste Tag der Woche" verloren.
Der Sonntag ist Teil des Wochenendes, das am Freitagabend beginnt; den Sonntag selbst erfährt man als Vorabend des Montags, der der erste Tag der Arbeitswoche ist. Für viele ist der Sonntag ein Tag zum Ausschlafen, ein Tag für sportliche Betätigungen, für Erholung, für Familien- und Bekanntenbesuche, für Reisen und Ausflüge. Für viele ist der Sonntag ein normaler Arbeitstag, vor allem für jene, die in durchgehend arbeitenden Betrieben, im Gaststättengewerbe und in Verkehrsbetrieben beschäftigt sind. Den höchsten Stellenwert nimmt die persönliche und individuelle Freizeitgestaltung ein. Dieser moderne Lebensstil bringt es mit sich, daß viele Pfarrangehörige den Samstag und Sonntag in einem Wochenendhaus oder auf Reisen verbringen oder den freien Tag für gesellschaftliche Verpflichtungen benützen.
Schließlich gibt es nicht wenige, für die der Sonntag ein Tag der Langeweile ist, ein Tag, an dem sie ihre Einsamkeit stärker als sonst verspüren, oder häufiger auch ein Tag familiärer Konflikte.
Elfte These: Die Sonntagsfeier ist als solche eines der ältesten Erkennungszeichen der christlichen Lebensweise. Typisch für diese Feier sind einmal der Tag – der Tag der Auferstehung Christi und der erste Tag der neuen Schöpfung – und zum anderen das Faktum, daß die Christen sich im Namen Christi um das Wort Gottes und um die Eucharistie versammeln. Nicht notwendig mit dieser Feier verbunden ist die Enthaltung von jeder Arbeit, wohl aber eine Atmosphäre des freudigen Gedenkens und der Hoffnung.
• Die Versammlung am Tag des Kyrios hatte von Anfang an den Charakter einer festlichen Feier. Diese Feier ist älter als das christliche Osterfest. Die Liturgiekonstitution charakterisiert diese Versammlung als ein dankbares Gedenken an das Paschamysterium, ein Gedenken, das Hoffnung ausstrahlt; der Tag selbst aber wird beschrieben als der "Urfeiertag", der auch "ein Tag der Freude und der Muße" sein soll (SC 106). Der CIC von 1983 greift diese Beschreibung auf, hebt die christliche Verpflichtung zur Teilnahme an der Sonntagsmesse hervor und fährt dann fort: Die Gläubigen "haben sich darüber hinaus jener Werke und Tätigkeiten zu enthalten, die den Gottesdienst, die dem Sonntag eigene Freude oder die Geist und Körper geschuldete Erholung hindern" (can. 1247). "Wenn wegen Fehlens eines geistlichen Amtsträgers oder aus einem anderen schwerwiegenden Grund die Teilnahme an einer Eucharistiefeier unmöglich ist, wird sehr empfohlen, daß die Gläubigen an einem Wortgottesdienst teilnehmen, wenn ein solcher... gefeiert wird, oder daß sie sich eine entsprechende Zeit lang dem persönlichen Gebet oder dem Gebet in der Familie oder gegebenenfalls in Familienkreisen widmen" (can. 1248 § 2).
• Das Gebäude bzw. der Raum, in dem die sonntägliche Versammlung stattfindet, kann neben seiner funktionalen auch eine symbolische Bedeutung haben. Das gilt sowohl für die Gläubigen selbst als auch für die Nicht-Glaubenden der Umgebung. Das Kirchengebäude kann nach außen und nach innen ein Zeichen sein, das hinweist auf die christliche Gemeinde und ihr Zentrum, Christus.
• Die christliche Versammlung hat nicht so sehr den Charakter eines Unterrichtsmodells als vielmehr einer Feier. Dabei gibt es verschiedene Stufen und Formen des Feierns und der Feierlichkeit.
Unterricht ist ein Mittel, eine Feier dagegen ist sowohl Mittel als auch ein Ziel in sich.
• Zum Feiern gehören Riten. Riten setzen eine Gemeinschaft voraus und unterstützen sie. Riten werden nicht rational geschaffen, sondern sie werden geboren aus dem gemeinschaftlichen Umgang mit den Dingen, die jenseits des Berechenbaren und Manipulierbaren liegen. Riten werden von Generation zu Generation weitergegeben, und man lernt sie verstehen und lieben, indem man sie mitvollzieht. Riten schaffen sich eine eigene Erfahrung von Zeit (Fest, Festkreis) und Raum (heilige Orte, Ausstattung der Räume), von Ehrfurcht und andächtigem Handeln (Schreiten, Prozession), von Musik und Stille.
Zwölfte These: Die Pflege der sonntäglichen Versammlung um das Wort Christi und die Eucharistie ist also von erstrangiger Bedeutung für die Existenz der Kirche und für die Verwirklichung ihrer Sendung unter den Menschen. Hier erfährt die Kirche sich selbst nicht nur als "Corpus christianorum", sondern als "Corpus Christi". Hier empfängt sie am ausdrücklichsten die Gaben Gottes zu ihrer Heiligung und bringt mit Christus den Gottesdienst dar, den der Vater wünscht. Hier nimmt die Kirche so intensiv am Paschamysterium teil, daß sie, erfüllt vom Heiligen Geist Christi, das Evangelium durch ihr Wort und ihr Lebenszeugnis an möglichst viele Menschen weitergeben kann.
• Alle in den Artikeln 6 und 7 der Liturgiekonstitution aufgeführten wesentlichen Elemente des christlichen Gottesdienstes müssen tatsächlich vorhanden sein und als solche auch verkündet werden, so daß die Gläubigen nicht nur zu geistlichem Konsum zusammenkommen, sondern Gott zu seinem Recht kommen lassen im "Gottesdienst" und daß sie nicht nur deshalb kommen, weil sie selbst ein Bedürfnis danach verspüren, sondern auch deshalb, weil es den anderen ein Bedürfnis ist, daß möglichst viele Mitglaubende kommen.
• Alle diese Elemente setzen voraus, daß "die volle, bewußte und tätige Teilnahme an den liturgischen Feiern, wie sie das Wesen der Liturgie selbst verlangt" (SC 14), gefördert wird, die "tätige Teilnahme der Gläubigen, die innere und die äußere, je nach deren Alter, Verhältnissen, Art des Lebens und Grad der religiösen Entwicklung" (ebd. 19). Daher gibt es Raum für verschiedenartige Feiern, in denen die Kinder und die Familien, die Studenten und die Älteren auf besondere Weise berücksichtigt werden. Am Sonntag sollte allerdings mindestens eine vollständige Feier stattfinden, die möglichst auf die Gesamtheit der Gläubigen angelegt ist, denn der Sonntag ist für die ganze Gemeinde bestimmt.
• Tätige Teilnahme an der Feier beginnt damit, daß man alle Elemente im Ritus benützt, die von ihrem Wesen her auf Dialog angelegt sind, sei es im Wort oder im Gesang, sei es im Tun oder in der Bewegung. Sowohl der Wortgottesdienst um das heilige Buch als auch die Eucharistiefeier um Brot und Kelch bieten mehr Möglichkeiten zu gemeinschaftlichem Handeln als gemeinhin in der Praxis ausgeschöpft werden.
Schluß
Es gibt einen tiefgreifenden Zusammenhang zwischen der abnehmenden Gottesdienstteilnahme und dem schwindenden Bewußtsein, daß wir gemeinsam Kirche Christi sind. Die erneuerten liturgischen Bücher setzen ein erneuertes Bemühen darum voraus, gemeinsam auf das Evangelium zu antworten. Die Teilnahme am Sonntagsgottesdienst ist sowohl ein Ausdruck dieser kirchlichen Zusammengehörigkeit als auch ein Mittel, sie zu erreichen. Was ist früher da, die kirchliche Gemeinschaft oder die eucharistische Gemeinschaft? Weder das eine noch das andere. Wie aber der Verfall der einen Gemeinschaft sowohl Symptom als auch Ursache für den Verfall der anderen ist, so ist es auch mit ihrer Wiederherstellung, die wir erhoffen.
(Aus dem Niederländischen übersetzt von Artur Waibel)
Arbeitshilfe
Wird dieser Beitrag im Rahmen einer Bildungsveranstaltung verwendet, so können folgende Fragen – je nach Teilnehmerkreis – für das Gespräch von Nutzen sein.
1. Was ist an der neuentstandenen "Wochenendkultur" gut?
Wie soll die Kirche auf dieses Phänomen reagieren?
Welche Fehler hat die Kirche bisher hier gemacht?
Welche Werte des christlichen Sonntags sollten der ganzen Gesellschaft erhalten bleiben?
2. Wie können wir unseren Gemeinden den "ganzen Sonntag" vermitteln?
Welche Rolle kann Laien im Sonntagsgottesdienst zukommen?
3. Was ist "tätige Teilnahme" am Gottesdienst?
Für den Leiter? Für besondere Mitwirkende? Für die Gemeinde?
Was kann geschehen, um die wirklich tätige Teilnahme zu fördern?
4. Wie ist der stetige, bis jetzt nicht aufzuhaltende Rückgang der Teilnahme am Sonntagsgottesdienst zu beurteilen? Welche tieferen Ursachen sind dafür verantwortlich? Wie muß die Kirche darauf reagieren?
Joseph F. Lescrauwaet, Gottesdienst 15-16 (1984) 113 | Gottesdienst 17 (1984) 131 | Gottesdienst 18 (1984) 137
Inhalt Archiv Themen Profil Bezug Kontakt zur Redaktion
Druckversion dieser Seite © 2004-10 by Deutsches Liturgisches Institut
[Home]
[Das Institut]
[Die Bibliothek]
[Informationen]
[Projekte]
[Publikationen]
[Kontakte][Suchen & Finden]
[Impressum]
|
|