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Segnungsgottesdienste als der liturgische Vollzug einer
glaubensgeschichtlich neuen Bezeugung des Evangeliums


Die deutschen Bischöfe schrieben im Jahr 1992: "Wie oft waren gerade Schwierigkeiten, die als unüberwindlich galten, Anlass, eine neue, der jeweiligen Zeit besser entsprechende Gestalt gläubiger Praxis zu entdecken! Wir dürfen damit rechnen, dass Gott auch in solchen Situationen und gerade durch sie Neues und Unerwartetes wirken kann" (Schreiben über den priesterlichen Dienst, S. 9). In demselben Jahr entstand bei geistlichen Tagen für Priester mit dem Thema "Kirche von innen" die konkrete Gestalt der vorliegenden Segnungsliturgie - nach langjährigen Erfahrungen in Gruppen und Gemeinden. Sie wurde dann mehrmals in diözesanen Segnungsgottesdiensten unter Leitung der zuständigen Bischöfe gefeiert und ist die liturgische Ausformung einer glaubensgeschichtlich neuen Bezeugung des Evangeliums, einer seit vielen Jahren angemahnten "Neu-Evangelisierung". Als eine neue Gestalt gläubiger Praxis betrifft und intensiviert sie die grundlegenden Vollzüge der Kirche: Liturgie, Diakonie, Glaubenszeugnis und kann deshalb als eine "Reform der Kirche von innen" verstanden werden. Da mit den Segensbitten auch die Bitte um bestimmte, dem Gemeindeaufbau dienende Charismen verbunden werden kann, ist sie die Basis für spirituelle und nicht nur kirchensoziologisch begründete Strukturreformen.

Das Kernproblem der glaubensgeschichtlichen Situation in Europa ist zweifellos die schwindende Selbstverständlichkeit des Christseins: Die Zugehörigkeit zu einer konkret verfassten Gesellschaft brachte aufgrund gesellschaftlich-kirchlicher Sozialisationsprozesse für viele fast von selbst die Mitgliedschaft in der Kirche mit sich. Die Gesellschaft war beinahe selbstverständlich durch christliche Normen, Werte und Glaubensinhalte geprägt. Nunmehr aber wachsen Erwachsene und Jugendliche ebenso selbstverständlich aus den Kirchen wieder heraus, wie sie in sie hineingewachsen sind. Eine Selbstverständlichkeit des Glaubens gehört jedoch nicht zum innersten Wesen der Kirche, sonst würden mit ihrem Absterben auch die Kirchen in Europa ihrem Ende zu gehen.

Gottes Bundesangebot

Die glaubensgeschichtlich neue Situation erfordert eine Besinnung auf das uralte biblische Bundesangebot Gottes: "Ich bin mit dir (euch)." Dieses Angebot - Ausdruck seiner Selbstbindung an uns - ist einzig und allein seine Initiative und bedarf der ausdrücklichen inneren Annahme durch die ganze Kirche und in ihr eines jeden Einzelnen. Gott zwingt uns seinen Bund nicht auf, sondern lädt uns ein, uns ihm in Freiheit anzuvertrauen. Dies wird darin offenbar, dass er durch seinen jedem menschlichen Tun zuvorkommenden, "erweckenden" Ruf das "Herz", das Innerste eines jeden Menschen "berührt" und ihn damit zugleich zur Antwort befähigt (DS 1525). Dieser Ruf ist der konkrete Anfang des bundesgemäßen Mitseins Gottes mit uns. Er geht jeder Sehnsucht nach religiöser Erfahrung voraus und nur er befähigt zur Annahme des Wortes Gottes und zum Empfang der Sakramente.

Diese innere Berührung des Herzens wird in den von Gott her geschehenden Segenshandlungen für den einzelnen wahrnehmbar: Jesus selbst hat die Menschen berührt und ihnen seine Hände aufgelegt, wenn er heilte und segnete (Mk 1,41; 7,33; 8,22; 10,16; 16,18; Lk 24,50 f). Diese Verleiblichungen der Zuwendung Gottes lösten Erstaunen, Betroffenheit, Freude und Lobpreis Gottes aus (Mk 2,12; 5,42; 7,37). Ähnliches geschieht auch in Segnungsgottesdiensten. In ihnen wird für viele die direkte Zuwendung Gottes leibhaft erfahrbar: Er selbst segnet mich durch die Mitchristen, die bereit sind, meine Last mitzutragen, an meiner Freude teilzunehmen. Viele bezeugen, dass sie bei solchen Feiern betroffen waren von der wohltuenden Atmosphäre entspannter Freiheit, der Anbetung und des Lobpreises, dass sie neu erfahren haben, was Kirche in ihrer Tiefe ist und sein soll: heilendes, frohmachendes Mit- und Füreinander.

Gottes Segen durch die Segnenden

Das Hineinwachsen in die innere Beziehung zu Gott ist ein lebenslanger Prozess durch Höhen und Tiefen hindurch. Segnungsgottesdienste, in denen der Einzelne das Bundesangebot Gottes neu und vertieft annimmt, sind deshalb nicht lediglich punktuelle Ereignisse, sondern je neue Verleiblichungen und Verdichtungen innerhalb dieses Prozesses. Sie bedürfen einer entsprechenden Vorbereitung durch Glaubensseminare oder Exerzitien, die anhand biblischer Texte von innen her zu den in der Segnungsliturgie angebotenen "Schritten" hinführen. So können sie dann auch den Alltag mehr und mehr durchdringen und zugleich den Charakter der Sendung haben, die den Einzelnen und die Gemeinden dazu befähigt, das befreiende Evangelium neu und kraftvoll in Kirche und Gesellschaft zu bezeugen. Schon in dieser Vorbereitungsphase eröffnen sich zentrale spirituelle Aufgaben für die Mitarbeiter-/innen im pastoralen Dienst.

Jeder Christ hat aufgrund des durch die Taufe verliehenen gemeinsamen Priestertums aller Gläubigen Anteil an der Segenskraft Jesu (vgl. GL 48,3). Bei Segenshandlungen nimmt sein Heiliger Geist die menschliche Fähigkeit zur persönlichen Zuwendung in Dienst, läutert und befreit sie dazu, das unverfügbare Mit-Sein Gottes direkt zu vermitteln. Deshalb heißt es in den Segensgebeten nicht: "Ich segne dich", sondern: "Gott segne dich", und wird im Segnungsbuch der Kirche (Benediktionale) hervorgehoben: "Das Auflegen oder Ausbreiten der Hände bei der Segnung von Personen bringt die Bitte um den Segen Gottes und die Mitteilung des Segens durch die Kirche besonders stark zum Ausdruck" (Pastorale Einführung, Nr. 31).

Merkmale der Segnungsliturgie

Segnungen sind ein direktes Geschehen von Gott her, über das wir nicht beliebig verfügen. Sie dürfen nicht aufgedrängt werden, denn die Annahme des bundesgemäßen Mit-Seins Gottes ist der tiefste menschliche Freiheitsakt: nur Gott kann und darf ich mich ganz anvertrauen. Außenlenkung, Drängen, gruppendynamischer Erwartungsdruck, Forderungen widersprechen einer neuen und neuartigen, einladenden "Evangelisierung", die von innen kommt und das Innerste anspricht, das Gottes Geist schon immer berührt hat. Die Erfahrung zeigt, dass an Segnungsgottesdiensten auch solche Menschen teilnehmen, die sich ihrer Kirche nicht mehr zugehörig wissen oder nicht (mehr) am Gemeindeleben teilnehmen, aber bereit sind, sich in einer unbestimmten Suchbewegung in ihren jeweiligen Lebenssituationen segnen zu lassen.

Segnungsgottesdienste haben zunächst nicht einen katechumenalen oder präkatechumenalen Charakter, sondern setzen die Annahme des Wortes Gottes und den Empfang der Sakramente voraus. Es gehört zum innersten Wesen der Sakramente, die wir nur einmal empfangen (Taufe, Firmung, Weihe), dass der einzelne die fortdauernd wirksame Zuwendung Gottes, die ihm dabei ein für allemal zuteil geworden ist, in bestimmten lebensgeschichtlichen Situationen neu und vertieft annimmt. Dies gilt im Prinzip auch für die Ehe. Die im folgenden beschriebene Segnungsliturgie ist keine Wiederholung der Sakramentenspendung, sondern gehört zu den "Sakramentalien". Durch diese Zeichen werden die Menschen bereitet, "die eigentliche Wirkung der Sakramente aufzunehmen; zugleich wird durch solche Zeichen das Leben in seinen verschiedenen Gegebenheiten geheiligt" (Vaticanum II, Liturgiekonstitution, Art. 60).

Die äußere und innere Gestalt der Segnungsgottesdienste ist bestimmt von der Spiritualität der ganzen Kirche, die durch die Taufe grundgelegt und allen Gemeinden, allen pastoralen Diensten, Gruppen, Initiativen, Verbänden, geistlichen Bewegungen gemeinsam ist. Alles in der Kirche wirksame geistliche Leben kann in sie einmünden. Durch ihren Mitvollzug wird der einzelne nicht Mitglied einer neuen geistlichen Gemeinschaft oder Bewegung, sondern intensiver in die Gemeinde oder Gemeinschaft eingegliedert, in der er lebt. Da diese Liturgie geprägt ist von der allen Christen gemeinsamen Taufspiritualität (Annahme des Mit-Seins Gottes, Teilhabe an der Segenskraft Jesu), können alle in der Kirche geschenkten geistlichen Bewegungen sich mit ihr identifizieren und aktiv bei ihr mitwirken, ohne ihre Eigenprägung aufzugeben. Die persönliche Annahme des Bundesangebotes Gottes kann in unterschiedlichen, im folgenden beschriebenen "Stufen" und "Schritten" vollzogen und von Zeit zu Zeit wiederholt und vertieft werden.

Der Vollzug

- Segnungen müssen der Ordnung der Kirche entsprechen. In der Regel geschehen sie im Rahmen eines Wortgottesdienstes, für kleinere Gruppen auch innerhalb der Eucharistiefeier nach der Verkündigung des Evangeliums. Dabei ist auf einen angemessenen Zeitrahmen zu achten, damit die Grundstruktur dieser Feier nicht durchbrochen wird.

- Ein Segnungsgottesdienst hat zwei Hauptteile: den Wort-Teil mit Schriftlesung, Predigt und persönlichen Zeugnissen einzelner über ihren bisherigen Weg mit Gott und die eigentlichen Segnungen. Die persönlichen Zeugnisse sollten schriftlich vorbereitet und von den für den Gottesdienst Verantwortlichen besprochen und (aufgrund geistlicher Unterscheidungsregeln) geprüft sein. Ein persönliches Zeugnis geschieht vor Gott und ist ein Dienst am Glauben der Zuhörer von ihm her. Dabei kann der Einzelne seinen Glauben an die im Wort Gottes und im Taufbekenntnis (Credo) enthaltenen Wahrheiten bezeugen oder auch seine persönliche Beziehung zu Gott, die seine Lebenspraxis einbezieht. Die Anwesenden können mit kurzen Akklamationen Gott für diesen Dienst danken. Persönliche Zeugnisse lassen eine biblisch nicht gedeckte, falsche Intimisierung gläubiger Existenz hinter sich, sind aber auch deutlich unterschieden von einer (in Talk-Shows üblich gewordenen) öffentlichen Selbstpreisgabe und einer mit Geltungsgewinn verbundenen Vermarktung des eigenen Ich. Dieser erste Teil der Feier sollte nicht länger als eine Stunde dauern.

- Die Segnungen können auch im Zusammenhang mit einer eucharistischen Anbetung vollzogen werden. Zum Dienst der Segnung halten sich kleine Gruppen aus je zwei Laien und einem Amtsträger (Bischof, Priester, Diakon) bereit. Sie stehen in einem solchen Abstand voneinander, dass ein geschützter Innenraum für die leise gesprochenen Gebete gewährleistet ist. Die Teilnehmer verharren still auf ihrem Platz, ohne das nagende Bewußtsein, nun einen Schritt vollziehen oder einer "Forderung" nachkommen zu müssen. Jeder prüft und entscheidet selbst, ob er sich - je nach seiner lebensgeschichtlichen Situation vor Gott - zu einem der angebotenen Schritte innerlich befähigt weiß. Erfahrungsgemäß lassen sich nicht alle Anwesenden segnen, aber alle wissen sich durch Anbetung und Besinnung in das Gesamtgeschehen einbezogen. Ein Jugendlicher schrieb: "Ich habe bei den Segnungen nur über mich und Gott nachgedacht."

Hinweise zur Gestaltung

- Die Liturgie der Segnungen hat eine gleichbleibende Grundform. Die Segensbitten und Bekräftigung eines Versprechens sowie die darauf antwortenden Segensgebete lassen Raum für erweiternde Gestaltung, entsprechend der Lebenssituation des einzelnen.

- Die Erfahrung zeigt, dass bei einer größeren Anzahl der Teilnehmenden für diesen Teil ein Zeitrahmen von bis zu zwei Stunden vorgesehen werden sollte. Während dieser Zeit führt eine Musikgruppe durch meditative, unaufdringliche Lieder und instrumentale Beiträge tiefer in das Gesamtgeschehen hinein. Eine sich selbst zurücknehmende musikalische Begleitung ist von zentraler Bedeutung. Sie darf keinen aggressiven, vereinnahmenden, von außen her anreißenden Charakter haben, da Segnungsfeiern die Anwesenden in besonderer Weise in ihren Tiefenschichten betreffen. Damit die leise gesprochenen Gebete verständlich bleiben, sollten die Lieder nicht mitgesungen werden. Besonders bewährt haben sich die aus der Anbetung erwachsenen und zu ihr hinführenden Gesänge aus Taizé.

- Nach altem kirchlichem Brauch segnen Amtsträger mit dem Handsegen, während Laien ein Kreuz auf die Stirne zeichnen.

Heribert Mühlen, Gottesdienst 15 (2000) 113

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